Neue Offensive oder Verhandlungen? -
Russland wartet Ergebnisse des "Winterkriegs" ab
Aktuell herrscht an den ukrainischen Fronten ein "angespanntes Schweigen". Während in einzelnen Frontabschnitten, wie im Raum Kupiansk, Svatove, Lyman, Bakhmut, Adiivka, Pisky und Marinka teils schwere und für beide Seiten äußerst verlustreiche Stadt- und Stellungskriege toben, zeichnen sich auf beiden Konfliktseiten große operative Bewegungen in naher Zukunft ab.
Die Ukraine würde ihren "Angriffsdruck" auf die russischen Streitkräfte gerne aufrechterhalten, um das wichtige militärische Moment der Initiative weiterhin zu behalten. Dem stehen jedoch gleich 4 entscheidende Faktoren entgegen.
1. Die schweren mobilen ukrainischen Streitkräfte, sowie die damit verbundenen erfahrenen Veteranenverbände sind nach den äußerst verlustreichen Schlachten vor allem im Süden so stark abgenutzt, dass sie gegenwärtig zu koordinierten Großraumoperationen, gegen eine sich immer weiter verstärkende russische Abwehr, nicht mehr in der Lage sind.
2. Der in der Ukraine dringend benötigte Nachschub für zerstörte oder verschlissene Rohr- und Raketenartillerie, kann aus den westlichen Unterstützerstaaten Kiews, nicht oder nicht im notwendigen Umfang, geliefert werden. Gleiches gilt für den Munitionsnachschub aller Kaliber. Schlichtweg weil der Munitionsbestand der Nato-Staaten inzwischen in vielen Ländern unter ein kritisches Niveau gefallen ist. Die ukrainischen Munitionsprobleme werden nach durchgängigen Berichten westlicher Munitionshersteller deshalb zumindest bis in den Frühsommer 2023 weiter anhalten.
3. Die Ukraine verfügt, trotz der umfangreichen westlichen Lieferungen nicht einmal im Ansatz über ausreichende Winterausrüstungen für ihre Kampfeinheiten. Umfassende Offensivoperationen der ukrainischen Armee, auf der Divisions- oder Armeekorps-Ebene können deshalb in diesem Winter ausgeschlossen werden.
4. Die klimatischen Bedingungen lassen bis auf weiteres, und absehbar bis Anfang Januar, keine offensive Großraumoperationen zu. Nach einer kurzen Frostperiode herrscht auch in der Ukraine wieder Tauwetter, das schweres Gerät, sowie die gesamte Logistik einfach im Schlamm versinken lässt.
Doch auch auf der russischen Seite sind mindestens bis Mitte Januar keine größeren Offensivoperationen zu erwarten.
Die russische Armee ist weiterhin damit beschäftigt ihre Reservisten und Mobilisierten gründlich zu schulen und in taktische Verbände einzugliedern.
Neu gegründete Einheiten und wieder aufgefrischte Veteranentruppen müssen in Manövern operativ und taktisch geschult werden. Gleichzeitig muss die Logistik die Großraumbewegungen der Verbände vorbereiten. All diese Vorbereitungen werden zumindest noch einige Wochen in Anspruch nehmen.
Auch ist der Wiederaufbau an schwerem Waffengerät in den Fronteinheiten noch nicht wieder abgeschlossen, auch wenn Moskaus Rüstungsschmieden derzeit mit überraschend hohen Zahlen an ausgelieferten Panzer und Artilleriesystemen überraschen.
Des Weiteren läuft die Frontversorgung der Kampfverbände, aufgrund der erheblichen organisatorischen Mängel in den logistischen Stäben der russischen Armee nach wie vor nicht rund. Auch wenn hier zuletzt deutliche Verbesserungen festzustellen waren.
Die Planung einer Großoffensive erfordert so gewaltige Einlagerungen an Munitions- und Treibstoffmengen, sowie so umfangreiche Verbrauchsgüterbereitstellungen, dass die russische Armee auch hier noch über längere Zeiträume mit den Vorbereitungen gebunden sein wird.
Es ist deshalb bereits aus diesen Gründen unwahrscheinlich, dass die russische Armee in absehbarer Zeit zu umfangreichen Militäroperationen übergehen wird.
Vielmehr ist zu erwarten, dass Russlands Strategen, den Infrastrukturbeschuss in der Ukraine intensivieren werden und auch dazu übergehen, militärische- und zivile Befehls- und Kommunikationszentren, die bisher von Angriffen ausgenommen waren, gezielt auszuschalten.
Abhängig von den Lageeinschätzungen der führenden russischen Militärs und der Einschätzung der logistischen Leistungsfähigkeit der russischen Rüstungsschmieden, wird Russlands Führung deshalb in Kürze darüber befinden, ob Moskau weiterhin eine harte militärische Lösung in der Ukraine anstrebt oder der Konflikt statisch auf derzeitigem Niveau gehalten wird, um Verhandlungslösungen zu erzwingen.
Im Falle einer Offensivplanung ist erwartbar, dass Russland seinen Krieg in der Ukraine noch einmal von Null auf startet und vollständig neue operative Lösungen festlegen wird, die die bisherige aus der Not geborene Improvisation ablöst.
In diesem Fall sind weitere russische Mobilisierungswellen zu Jahresbeginn und im beginnenden Frühjahr zu erwarten.
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